Die sechs Arten der Berührung von Bill Palmer

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Die sechs Arten der Berührung von Bill Palmer

Die sechs Arten der Berührung von Bill Palmer, Teil 2

Die wertschätzende Berührung und die tanzende Berührung

übersetzt von Dr. Anna Friedl, ShenDo Shiatsu PraktikerIn

In meinem letzten Artikel habe ich erklärt, dass eine „Art der Berührung“ eine Qualität der Kontaktaufnahme ist, die Funktionen sowohl des Körpers als auch des Geistes aktiviert. Jede dieser Arten der Berührung entspricht eigentlich einer inneren Haltung, die sich durch die Qualität der physischen Berührung überträgt und die ganze Beziehung zwischen Therapeut und Klientin prägt. Nach meiner Ansicht ist diese innere Haltung wichtiger als die genutzten Techniken oder Meridiane. Es kann vorkommen, dass die Praktikerinnen mit einem bestimmten Meridian arbeiten, aber dabei das Qi des Meridians durch ihre innere Haltung untergraben.

Die Energiefunktionen, auf die sich die Arten der Berührung beziehen, werden oft als die sechs Energieschichten des Yin und Yang bezeichnet. Während die paarweise Anordnung der Meridiane in den fünf Elementen einer komplementären Yin-Yang-Beziehung zwischen zwei Zang-Fu-Organfunktionen entspricht, wird in den sechs Energieschichten jeweils ein Beinmeridian mit einem synergistischen Meridian im Arm gepaart. Diese Paare sind dann beide Yang oder beide Yin und sie zeigen wie die beiden Organe als Teile einer tiefergehenden Funktion zusammenarbeiten.

Die traditionelle chinesische Medizin definiert diese tiefergehenden Funktionen nicht. Meine Forschungen in den 1980er Jahren über die Entwicklung von Kindern haben aber klar gezeigt, dass die Pfade dieser Energieschichten die Bewegung des Säuglings leiten und dabei auf einer biologischen und einer sozialen Ebene die Entwicklung des Selbsts ermöglichen.

Die innere Gemeinschaft

 Physiologen, Neurowissenschaftler und Psychologen sehen das Selbst nicht mehr als eine Einheit an, die durch einen zentralen Kontrolleur gelenkt wird. Stattdessen gibt es überzeugende Hinweise, dass sich sowohl Körper als auch Geist aus einer Gemeinschaft von autonomen Bestandteilen zusammensetzen, die alle untereinander konkurrieren und zusammenarbeiten. Es ist dieses komplexe Netzwerk gegenseitiger Kommunikation, dass das Gefühl eines einzigen Selbst entstehen lässt.

Diese Sichtweise verändert die Medizin  grundlegend, egal ob Schulmedizin oder alternative Heilkunde. Über 80% der Schulmedizin hat mit Linderung oder Chirurgie zu tun, das heisst sie will einfach die Symptome loswerden, die von einem nicht-funktionierenden Körperteil verursacht werden. Ein Großteil der alternativen Heilkunde beruht auf  verschiedenen Modellen einer organischen Harmonie mit jeweils eigenen diagnostischen und therapeutischen Protokollen. Energetisch zielen diese Systeme darauf ab, das System zu kontrollieren, es in einen „richtigen“ Zustand zu bringen. Wenn man jedoch das Bild der Gemeinschaft in einem Körper ernst nimmt, muss man sagen dass die Gruppendynamik im Körper im Allgemeinen von der Medizin nicht berücksichtigt wird, und daher halten die Behandlungen nicht lange vor.

Um ein einfaches Beispiel zu geben, beruhen viele Formen von Shiatsu auf der (vereinfachten) Idee, dass man ein Kyo-Jitsu-Paar von interagierenden Meridianen finden und dann das Kyo nähren und unterstützen sowie das Jitsu zerstreuen muss. Wenn aber der Zustand chronifiziert ist, hat die Jitsu-Energie schon viele Jahre harte Arbeit geleistet, und es widerstrebt ihr, „zerstreut“ zu werden – genauso wie es einer Person in einer Gruppe, nachdem sie sie sich viele Jahre um den Tee gekümmert hat, widerstrebt zu hören, dass sie damit aufhören soll, weil jetzt andere Leute diese Aufgabe übernehmen möchten. Die Jitsu-Person braucht erst die Wertschätzung von der Gruppe für die geleistete Arbeit, bevor sie loslassen kann.

Es gibt inzwischen umfassende Forschungen darüber, was Gruppen gut zusammenarbeiten lässt. Diese Einsichten lassen sich direkt auf eine Körperarbeitsanwendung übertragen und wir können Prinzipien der Gruppenmoderation benutzen, um der innere Gemeinschaft bei der guten Zusammenarbeit zu helfen. Wir zeigen hier wie vier Meridiane, die zusammen zwei Energieschichten bilden, dafür verantwortlich sind der inneren Gemeinschaft beim Befolgen dieser „Gruppenprinzipien“ zu helfen. Die Arten der Berührung, die mit diesen Energieschichten zusammen hängen, zeigen wie sie durch Körperarbeit und durch Deine innere Haltung aktiviert werden können.

Leber – Gruppenaufgaben

Gruppen benötigen normalerweise ein Ziel, um zusammen zu bleiben. Wenn dieses „Gruppenziel“ der Gruppe nicht klar ist, werden die Gruppen oft auseinanderbrechen. In der ersten Hälfte des Erwachsenenalters scheint sich unsere Zielstrebigkeit darauf zu konzentrieren, Partner, Kinder, Jobs, Kreativität und Status zu erlangen. Eines der Themen mit zunehmendem Alter ist, dass diese Ziele aufhören, relevant zu sein, was zum Zerbrechen der inneren Gemeinschaft und zu ernsthaften Gesundheitsproblemen führen kann. Die Leber, die eine zentrale Aufgabe schafft, für die die innere Gemeinschaft zusammenarbeiten kann, und ihre Flexibilität sind wichtig für die Neudefinition unserer Ziele in verschiedenen Lebensabschnitten.

Perikard – Netzwerken

Ein zentrales Ziel zu haben reicht aber nicht aus, um eine Gemeinschaft zu bilden. Damit sich eine wirklich zusammenarbeitende Gruppe bildet, muss jeder Teil im Körper-Geist sich mit jedem anderen Teil verbinden und mit ihm kommunizieren. Dieses Netzwerk der Verbindungen wird durch die Perikard-Funktion repräsentiert. Auf Chinesisch wird das Perikard Xin Bao oder Herz-Faszie genannt.

Aber der Begriff Bao umfasst mehr als nur Faszie; das Schriftzeichen zeigt eine Gebärmutter; die Faszie ist also mehr als nur Bindegewebe, sie umarmt und nährt jedes Mitglied der inneren Gemeinschaft. Faszien liefern die physische Grundlage für die Verbindungen innerhalb der Gemeinschaft. Es ist dieses Gefühl der unterstützenden Verbundenheit innerhalb der inneren Gemeinschaft, welches durch das Perikard ermöglicht wird.  

Jue Yin und Wertschätzende Berührung

Leber und Perikard bilden zusammen die Energieschicht des Yue Yin. Das Perikard umarmt jedes Mitglied und gibt ihm ein Gefühl des Verbundenseins. Die Leber ist eher aktiv, hält alles zusammen und wird daher mehr durch die Muskeln verkörpert. Aber eine Gruppe, die schon gut zusammenarbeitet und kommuniziert, muss nicht zusammengezwungen werden. In einer solchen Gruppe umfasst die Leber das Ganze, wertschätzt jeden einzelnen Teil und liefert das gemeinsame Ziel, um das sich alle scharen. Nur wenn eine Gruppe zerbricht muss die Leber die Kontrolle übernehmen, um die Dinge zusammen zu halten.

Leute kommen oft zum Shiatsu weil sie eine Veränderung erzielen wollen, einen problematischen Teil ihrerselbst richten möchten. Aber um einer Gruppe zu helfen, dass sie funktioniert, muss man damit anfangen, jeden Teil für das zu schätzen, was er gerade leistet,  nicht für das, was er tun könnte wenn er sich ändern würde. Zum Beispiel ist ein chronisch angespannter Muskel schmerzhaft und natürlich will man, dass er sich ändert und loslässt. Aber das Ziel einer chronischen Anspannung ist es oft etwas zu schützen. Das kann bei der Heilung von Trauma nützlich sein, selbst wenn das Endergebnis nicht gut funktioniert. Also kann man die Anspannung für die Rolle schätzen, die sie für die innere Gemeinschaft einnimmt. Eine Angewohnheit wertzuschätzen für den Job, den sie macht, kann eine tiefgreifende Änderung einleiten. Ich flüstere oft „gut gemacht“ vor mich hin, wenn ich auf so eine Thematik treffe. Diese innere Einstellung animiert jeden Teil des Selbsts, sich als wertvollen Teil des Teams zu fühlen und paradoxerweise hilft ihm das, sich zu verändern.

Jede Art der Berührung besteht aus einer inneren Einstellung und einer physischen Technik. Die Art der Berührung, die mit dem Yue Yin verbunden ist, wird „wertschätzende Berührung“ genannt, und ihre innere Einstellung ist umarmend und das schätzend was gerade passiert, anstatt zu versuchen die Dinge zu ändern. Der physische Aspekt beinhaltet dabei der Klientin zu helfen, das zu wählen was sie (unbewusst) bereits tut. So kann man zum Beispiel, anstatt zu versuchen einen chronisch angespannten Muskel zu entspannen, der Klientin zeigen, wie sie bewusst die Fasern in dem Muskel anspannt. Dadurch kann sie sich die Arbeit, die der Muskel bereits leistet, zu eigen machen und sie schätzen, und dadurch oft eine andere Weise finden, diese Arbeit zu verrichten, so dass der Muskel aus seinem Zwang befreit werden kann.

Diese Methode unterscheidet sich grundsätzlich von der Sotai-Technik des Anspannens-und-Loslassens, da diese nur eine weitere Technik des Loslassens des Muskels ist, anstatt seine Arbeit anzuerkennen. Chronisch angespannte Muskeln lassen sich durch die Sotai-Technik nicht täuschen, da sie wissen, dass sie eine wichtige Arbeit erledigen, auch wenn  sie das nicht auf die harmonischste Weise tun!

Das Shao Yang und die tanzende Berührung

Die zum Jue Yin komplementäre Energieschicht ist das Shao Yang aus Gallenblase und Dreifachem Erwärmer. Während sich das Jue Yin darauf konzentriert, ein Gefühl von Verbundenheit herzustellen, befassen sich diese Yang-Funktionen damit, wie die innere Gemeinschaft zusammenarbeitet und Konflikte zwischen ihren Mitgliedern gelöst werden.

Im Grunde gibt es zwei Arten von Konflikt. Die eine könnte man „Shoot Out“ (in etwa: Duell mit Schusswaffen) nennen, wo zwei Kräfte in offensichtlich gegensätzlichen Richtungen arbeiten. Die einzige Lösung, die die Kämpfenden sehen, ist, dass der eine oder der andere gewinnt und den Verlierer schlägt.

Die andere ist der „Cop Out“ (in etwa: Verweigerungshaltung), wo zwei Menschen, die in einer Beziehung zueinander sind, nicht in Kontakt treten, wodurch eine Spannung zwischen ihnen entsteht, da sie zusammenarbeiten müssen.

Wenn in einer Gruppe ein Mitglied die Verweigerungs-Strategie verfolgt, lenkt sich die Energie der Gruppe oft darauf, den Verweigerer wieder ins Team zurück zu holen. Innerhalb des Körpers ist das eine sehr häufige Form des Konflikts, wenn ein Teil seine Arbeit nicht erfüllt.  

Die Lösung des Konflikts hängt davon ab, dass eine gemeinsame Aktivität gefunden wird, bei der sich beide Kräfte gleichermaßen wertgeschätzt fühlen können. Dies könnte man als das magische Karussell bezeichnen.

Damit zum Beispiel an einem Gelenk Kraft übertragen wird, wird gewöhnlich der Körperteil auf der einen Seite fixiert, während der auf der anderen Seite sich bewegt.  Aber das führt im Gelenk zu einem Konflikt – so wie wenn bei einem Tanz ein Partner stillhält, während der andere versucht sich zu bewegen. Wird dieses Bewegungsmuster selbst dann beibehalten, wenn gar keine Kraft aufgebracht werden muss, kann der andauernde Konflikt das Gelenk abnutzen. Kann man nun aber dem fixierten Knochen beibringen,  in den Tanz einzusteigen, lässt sich der Konflikt in eine harmonische und anmutige Bewegung umwandeln.  Aufgrund dieser Metapher wird die Art der Berührung, die mit dem Shao Yang zusammen hängt, „tanzende Berührung“ genannt und diese Arbeit des Gelenks ist ein physisches Beispiel dafür.

Die gleichen Prinzipien können auf jede Art von Konflikt im Leben angewendet werden. Die tanzende Berührung hört beiden Seiten eines Konflikts zu, wenn sie sich in gegensätzliche Richtung gezogen fühlen, und spürt nach, wo sie noch zusammen hängen. Oft entsteht dabei eine gemeinsame Richtung, die beide Energien respektiert und ihnen erlaubt, zusammen zu arbeiten.

Die integrierende Familie

Jue Yin und Shao Yang arbeiten als eine Familie von vier Meridianen zusammen bei der Integration der inneren Gemeinschaft. Zusammen verbinden sie auch die Elemente Holz und ministerielles Feuer, die beide mit Beziehung zu tun haben. Die Arbeit mit der wertschätzenden Berührung und der tanzenden Berührung zielt darauf, ein nichtfunktionierendes Kräftespiel in der Gemeinschaft zu heilen und dann kann sich die Gruppe neu formieren, um ihre Herausforderungen freudig anzugehen. Dies ist besonders wichtig im Fall von hohem Alter, Behinderung oder chronischen Beschwerden. In diesen Fällen werden wir nicht unbedingt versuchen, die Beschwerden zu heilen, sondern der Gemeinschaft in der Person helfen, sie anzunehmen und in der bestmöglichen Weise damit umzugehen. Der wichtige Grundsatz bei der Arbeit mit dieser Meridianfamilie ist es, nicht auf Veränderung zu zielen, sondern das was ist zu schätzen und zu helfen, die darin liegenden Potentiale zu erforschen.

Fallstudie

Eine Klientin lehrte mich viel über diese Arten der Berührung. Sally kam zu mir mit Periodenschmerzen und Migräne, aber in dem Moment als ich begann an ihr zu arbeiten, wurde sie angespannt und blockierte die Berührung. Als wir diese Reaktion wahrnahmen, erinnerte sie sich als kleines Mädchen an einer schrecklichen Hautkrankheit gelitten zu haben, wegen der sie ein Jahr lang nicht angefasst werden konnte.  Also entstand für sie ein Konflikt, sie wollte Berührung, aber als diese angeboten wurde, blockierte die traumatische Erfahrung sie.

Meine erste Antwort war, die Blockade wertzuschätzen. Sie hat gute Arbeit dabei geleistet, Sally vor den Schmerzen des Traumas zu schützen und wir verbrachten eine Sitzung damit, die Kontraktion zu spüren und „gut gemacht“ zu ihr zu sagen. Als nächstes schlug ich vor sie solle,  wenn sie die ersten Anzeichen der Kontraktion verspüre, Stop zu mir sagen und mich aktiv wegdrücken. Durch diese Handlung würde sie eine nach außen gerichtete und bewusste Methode erforschen, mit der sie sich schützen könne, anstelle der unbewussten Kontraktion.

Wir benötigten mehrere Sitzungen bis sie das Vertrauen fand sich wirklich für die Berührung zu öffnen, immer im Wissen, dass sie mich jederzeit wegdrücken könnte. Schließlich fand sie einen Weg um ihr Bedürfnis nach Kontakt zu erfüllen und dabei ihren Grenzen zu vertrauen, welcher die chronische Kyo-Jitsu-Dynamik verwandelte: sie konnte sich öffnen alles Nötige anzunehmen, wissend, dass sie das, mit dem sie nicht umgehen kann, immer wegdrücken kann.

Somit wurde der ursprüngliche Konflikt dadurch gelöst, dass eine gemeinsame Basis zwischen Einladung und Schutz gefunden wurde. Beide Energien wurden zu Aspekten der Ausdehnung. Sie konnte Kontraktion als Schutzmaßnahme aufgeben. Es war dann fast nicht mehr wichtig, dass ihre physischen Symptome ebenfalls verschwanden.

 

Die sechs Arten der Berührung von Bill Palmer, Teil 1

übersetzt von Dr. Anna Friedl, ShenDo Shiatsu Praktikerin

Die sechs Arten der Berührung stellen ein Ausbildungssystem dar, das ich vor fast 40 Jahren entwickelt habe. Die Hauptidee dabei ist, dass die ART, wie Du mit einer anderen Person in Kontakt trittst, genauso wichtig ist wie die Meridiane, an denen Du beschlossen hast zu arbeiten – oder sogar wichtiger. Dieser Artikel beschreibt zwei dieser Arten.

Die sechs Energieschichten

Jede der Arten der Berührung steht in Beziehung mit einer der sechs Energieschichten, über welche ich schon vor einiger Zeit geschrieben habe, und es ist hilfeich, sich an die tiefere Bedeutung dieser Schichten zu erinnern. Jede der sechs Schichten ist die Kombination eines Beinmeridians mit einem Armmeridian, und nach meiner Meinung inspirierten sie Masunagas Meridianerweiterungen.

Doch die sechs Energieschichten verkörpern tiefere Archetypen als die Funktionen der jeweiligen Einzelmeridiane. Im Ling Shu ist geschrieben „der Arm reicht zum Himmel während das Bein auf der Erde steht“.  Also verkörpert jeder Armmeridian eine Energie, durch die unser Körper mentale und spirituelle Fähigkeiten ausdrückt. Die Beinmeridiane hingegen drücken die Art aus, wie unsere Gefühle, unsere Gedanken und unser Geist sich verkörpern und mit Hilfe der Erde zu Taten wandeln lassen. Der kombinierte Kanal bildet eine Brücke zwischen Körper und Geist und diese Brücke ist eine Art Kombination der Energien des Bein- und des Armmeridians. So wie die fünf Elemente die Meridiane in Yin-Yang-Paare unterteilen, als wären sie Bruder und Schwester, verbinden die Energieschichten sie in Yang-Yang- und Yin-Yin-Paare, jeweils zwei Brüder und zwei Schwestern.

So bilden beispielsweise der Magen- und der Dickdarmmeridian zusammen die Yang Ming-Schicht. Die Magen-Funktion ist es im Wesentlichen, mit anderen Kontakt aufzunehmen und das zu erbitten was wir benötigen. Beachtet, dass dies eine Yang-Funktion ist, für die der Körper sich bewegen muss – in diesem Fall die Hand ausstrecken und die Nahrung annehmen. Die Yin-„Schwester“ des Magens ist die Milz, deren Funktion es ist Nahrung aufzunehmen und das Fleisch zu nähren und in Form zu bringen.  Der Yang- „Bruder“ des Magens hingegen ist der Dickdarm, der die Dinge wieder loswird, die wir aufgenommen haben, aber nicht benötigen.

Somit ist es die tiefere Funktion des Yang Ming, unsere Grenzen aufrecht zu halten und unsere Individualität auszubilden. Die Fähigkeit des Dickdarms, „Nein“ zu sagen zu Dingen, die wir nicht brauchen, ist oft ein notwendiger erster Schritt bevor wir uns sicher genug fühlen, das zu verlangen was wir brauchen. Der Yang Ming vermittelt unseren Austausch mit der Außenwelt und gibt uns unser Gefühl für das Selbst und das Andere.

Das letzte Mitglied dieser Familie ist die Lunge, die Schwester des Dickdarms und die große Schwester der Milz. Die Beziehung der Lunge zum Dickdarm liegt darin, dass sie uns ausdehnt, um unseren persönlichen Raum aufzufüllen, dessen Grenzen dann der Dickdarm bewacht.  Diese ausdehnende Energie wirkt auch schützend und erlaubt es uns, klare Grenzen zu haben, ohne dass sie Kontakte verhindern.  Die Beziehung von Lunge und Milz liegt darin, dass die Lunge die innere Ausbreitung der Milz in die Außenwelt fortführt.

Zusammen bilden sie eine Familie mit der grundlegenden aber einfachen Funktion, unser Gespür von Selbst im Austausch mit der Welt zu erhalten.

Die Arten der Berührung

 Obwohl die Arten der Berührung einen Bezug zu den sechs Energieschichten haben, sind sie keine eigentlichen Behandlungstechniken für ein Ungleichgewicht in der jeweiligen Schicht. Vielmehr beschreiben sie sechs unterschiedliche Dimensionen des therapeutischen Kontakts und ein guter Behandler wird alle von ihnen nutzen. Wenn es jedoch in einer Schicht ein Ungleichgewicht gibt, dann sollte natürlich die dazugehörige Art der Berührung im Kontakt mit den Klientinnen inbegriffen sein.

Zur Verdeutlichung  beginnen wir mit der Art der Berührung, die mit der Yang Ming-Energieschicht verbunden ist. Das Yang Ming hat die Funktion, aktiv nach dem zu greifen was wir brauchen und das wegzudrücken was wir nicht brauchen. Der wichtige Aspekt dabei ist die Aktivität, daher muss die Klientin aktiv interagieren, um seine Energie zu unterstützen.

Im traditionellen Format einer Shiatsu-Sitzung ist das ungewohnt, da Shiatsu für gewöhnlich in Stille durchgeführt wird – mit Klienten, die eher passiv sind, und Praktikerinnen, die entscheiden was die Klienten benötigen. Diese Stille kann wichtig sein, ich möchte sie daher nicht herabsetzen. Aber ein Klient, der Schwierigkeiten mit Grenzen hat, wird oft fraglos das akzeptieren, was jemand anderes für ihn nötig hält, und er wird daher empfänglich für Mißbrauch. Wenn wir der Routine von Diagnose und und stiller Behandlung in der Shiatsu-Sitzung einfach folgen, helfen wir solchen Klienten nicht, ihre eigene Fähigkeit zur aktiven Grenzensetzung zu entwickeln.

In der Tat denke ich das gilt für viele Menschen, die eine ausdrückliche Erlaubnis benötigen bevor sie um das bitten, was sie brauchen, und nein zu den Dingen sagen, die sich falsch anfühlen. Ein starkes Yang Ming kann uns genau das geben. Und die Yang Ming-Art der Berührung gibt diese Erlaubnis und hilft den Klienten aktiv bei der Entwicklung dieser Energie.

Alle diese Arten der Berührung haben zwei Seiten:

  • als Technik, die eine Fähigkeit oder die Aufmerksamkeit der Klienten fördert
  • als innere Haltung von Seiten der Praktikerin. Unsere Berührung gibt ganz subtil unseren inneren Zustand weiter, selbst wenn die Klienten das nicht bewusst wahrnehmen.

Der technische Anteil der Yang Ming-Berührung lässt sich am besten als „Achtsamkeitsübung“ durchführen. Ich helfe den Klienten, den eigenen Körper zu scannen und dabei alle Orte wahrzunehmen, die auffällig sind. Für Leute mit wenig Körperbewusstsein kann das schwierig sein und in meiner Erfahrung werden diese sich zuerst der Orte bewusst, wo sie Schmerz oder Spannung verspüren. Wenn sie jedoch mehr Körperarbeit kriegen, kommen auch subtilere Empfingungen an die Oberfläche. Im nächsten Schritt frage ich sie ob es einen Ort gibt, an dem sie berührt werden möchten, und wenn sie sich nicht sicher sind, bitte ich sie einen der Orte auszusuchen, die beim Scannen aufgefallen sind.

Wenn die Person dann tatsächlich berührt wird, fällt es ihr leichter zu spüren wo genau sie den Kontakt möchte. Es ist als ob der Kopf eine Idee hat, was der Körper möchte, aber wenn der Körper berührt wird, kennt er die Bedürfnisse viel genauer als der Kopf. Also erlaube ich der Person sofort, ihre Bitte zu ändern und mich an den Ort zu geleiten, der sich „richtig“ anfühlt. Ich sage ihr auch, dass sie mich bitten kann die Qualität der Berührung zu verändern, zum Beispiel tiefer zu drücken oder mit der Handfläche leichteren Kontakt herzustellen. Dadurch gebe ich ihr die Erlaubnis, nein zu sagen zu meinem Vorschlag und genau das zu erbitten, was sie benötigt.  Dieser Prozess lehrt die Klienten das zu hören was der Körper möchte, statt das was der Kopf DENKT was der Körper möchte.

Der Aspekt der „inneren Haltung“ bei dieser Art der Berührung verlangt von der Praktikerin, den Wunsch aufzugeben ein Problem zu lösen, den hohen Status aufzugeben, der mit der Fähigkeit zu diagnostizieren und zu behandeln einhergeht, und vollständig offen für die Forderungen und Korrekturen der Klientinnen zu sein.  Wenn Du gewohnt bist, selbst zu entscheiden wo und wie du berührst, kann es sich verwirrend oder gar abwertend anfühlen, etwas anderes tun zu sollen. Vielleicht weißt Du es ja wirklich besser, aber der Punkt hier ist, die Person zu lehren auf den eigenen Körper zu hören und ihr eigenes Expertentum dafür zu entwickeln. Damit das geschieht, musst Du aus dem Weg gehen und die andere Person sich selbst erforschen lassen.

Tatsächlich kann es sogar eine große Befreiung sein, wenn sich eine mehr gleichberechtigte Beziehung mit den Klienten bildet, da wir uns, wenn wir ehrlich sind, manchmal auch etwas verloren fühlen. Indem wir die Klienten fragen, wo sie berührt werden möchten, bleibt der Kontakt bestehen und die Behandlung bleibt im Fluss. Außerdem gibt ihnen diese Übung die Erlaubnis ein hilfreiches Feedback während deiner Arbeit  zu geben.

Alles in Allem ist die Yang Ming-Berührung in der therapeutischen Beziehung derjenige Aspekt, der einer Person hilft, auf ihre eigenen Bedürfnisse zu hören und diese zu erforschen, statt von der Expertise der Therapeuten abzuhängen. Das vermindert nicht die Kompetenz der Therapeutinnen, vielmehr benötigen diese Achtsamkeit und die Fähigkeit, den Rahmen herzustellen wo die Klienten mitteilen können, was sie wirklich benötigen, und der sicher genug ist um die Therapeutin bei der Arbeit anzuleiten.

Tai Yin Berührung

Die Yin-Seite dieser Meridianfamilie ist das Tai Yin. Dies ist die Kombination von Milz und Lunge. Wie schon gesagt, ist die Verbindung zwischen beiden energetischen Funktionen, dass sie mit Ausdehnung zu tun haben. Die Milz verkörpert die Fähigkeit des Organismus, Nahrung aufzunehmen und die Gewebe aufzufüllen, sowie die Organe und das Fleisch in Form zu bringen. Die Lunge treibt die Expansion noch weiter und füllt unseren persönlichen Raum aus, so dass Kontakt mit der Außenwelt entsteht. Während das Yang Ming die Tore unseres persönlichen Raums regiert, füllt das Tai Yin ihn aus.

Wenn das Tai Yin nicht funktioniert, gibt es eine Tendenz nach innen zu kollabieren und diese Bewegung saugt andere Menschen ein, damit sie das Loch auffüllen. Dadurch entsteht ein Opferzustand, der nach Rettung ruft. Stephen Karpman hat das von ihm sogenannte Drama-Dreieck beschrieben, das zeigt wie die Opferrolle anfällig für Mißbrauch ist. Dieser Mißbrauch muss nicht von bösartiger Absicht sein – ein Retter kann aber leicht Grenzen überschreiten, wenn er bestimmte Ratschläge gibt und auf bestimmte Art eingreift, so dass der Klient nach und nach mehr vom Retter abhängig wird anstatt die Kraft für mehr Unabhängigkeit zu bekommen.

Das Wesen der Tai Yin-Berührung ist, dass sie sich darauf konzentriert jemanden an seiner Grenze zu treffen, anstatt hinein zu tauchen um dessen Probleme zu lösen. Ich nenne diese Form der Berührung oft die „Haustür-Berührung“, weil sie energetisch vergleichbar ist zum Klopfen an einer Haustüre und Warten, dass jemand aufmacht, im Gegensatz zum einfachen Reinmarschieren und Aufräumen. Das ist eine zarte Haltung, die jedoch einen riesigen Unterschied in der Beziehung macht. Sie schließt die Art ein, wie Du Fragen stellst und wie Du physisch berührst, und auch wie klar Du Vereinbarungen triffst. Zum Beispiel:

Offene Fragen stellen

 Offene Fragen helfen einer Person sich selbst zu erforschen und ihre innersten Gefühle auszudrücken, anstatt dem Fragenden einfach nur Informationen zu geben. Bei der Körperarbeit ist das besonders wichtig, da offene Fragen einer Person helfen, mit dem Körper in Kontakt zu kommen und sich nicht in emotionalen Geschichten zu verstricken. Ich nenne Fragen, die das Feld einengen und nach Erklärungen suchen, „gezielte Fragen“.  Die gezielten Fragen werden im Allgemeinen für das bessere Verständnis der Praktikerin gestellt, damit sie leichter eine Diagnose stellen kann. Offene Fragen hingegen werden zum Nutzen der Klienten gestellt. Zum Beispiel:

Klient: „Ich fühle mich heute wütend.“

Gezielte Frage: Was ist passiert, dass Du wütend bist? (Dies führt den Klienten weg vom gegenwärtigen Augenblick, weg vom Körper und hin zur Vergangenheit. Energetisch reicht das nach innen und hilft dem Klienten nicht, die gegenwärtigen Gefühle auszudrücken. Vielmehr verstrickt er sich in einer Geschichte. )

 Offene Frage: Wo in einem Körper spürst Du das? Wenn Du Dein Gefühl mit einer Bewegung ausdrücken wolltest, was würdest Du tun? etc.

Mit offenen Fragen versuchst Du nicht, zu analysieren oder zu diagnostizieren oder etwas zu richten, sondern sie stimulieren die Klientinnen, zu erforschen und auszudrücken. Energetisch gesprochen regen sie zur Expansion an und aktivieren so das Tai Yin.

Die oberflächliche Faszie berühren

 Wenn man einen Muskel dehnt, gibt es einen Punkt des ersten Kontakts wenn die Muskelfasern gespannt, aber noch nicht in die Länge gezogen werden werden. Wenn Du an diesem Punkt verweilst, hat der Empfangende die Möglichkeit loszulassen, sich zu öffnen und den Muskel selbst zu verlängern anstatt ihn passiv dehnen zu lassen. Das ist wieder wie an der Haustüre zu klopfen und darauf zu warten, dass die Hausherrin zu Dir kommt.

Genauso gibt es einen Punkt des ersten Kontakts wenn man einen Tsubo drückt. Dieser passiert wenn die Berührung unterhalb der Nachgiebigkeit der Haut der Elastizität der Faszienschicht begegnet. Diese Schicht wurde erst vor kurzem von den Anatomen als das erkannt, was sie ist. Zuvor wurde sie als Unterhautfettgewebe angesehen, aber in Wirklichkeit handelt es sich um eine robuste Schicht von locker geknüpftem Bindegewebe, in dem die Fettzellen sitzen. Außerdem hat man kürzlich herausgefunden, dass diese Schicht eine große Zahl von sensorischen Nerven enthält, vor allem Dehnungsrezeptoren, die die Bewegungen der Muskeln und der darunter liegenden Organe wahrnehmen. Diese Schicht ummantelt den ganzen Körper wie ein innen liegender Tauchanzug, und so wie die Haut ein Sinnesorgan ist, das sich nach außen richtet um die Welt durch Berührung zu erfahren,  ist diese „oberflächliche Faszie“ ein Sinnesorgan, das sich nach innen richtet und eine Empfindung der gesamtheitlichen Einheit des Körpers vermittelt. In einem gewissen Sinne ist sie die innere Grenze unseres Körpers. Indem man mit ihr Kontakt aufnimmt, aber nicht tiefer geht, wird dem Empfänger eine Gefühl seiner Ganzheit vermittelt und an seiner Haustüre geklopft, um sein Qi zu ermutigen aufzuwachen und an der Therapie teilzuhaben.

Zusammengefasst bewegt sich die Tai Yin-Berührung nach vorne um Kontakt aufzunehmen, aber diese Vorwärts-Energie stoppt sobald man spürt, dass eine Grenze überschritten wird. An diesem Punkt ziehst Du Dich nicht zurück, sondern öffnest Dich und wartest bis Du spürst wie die Energie des Empfangenden sich ausdehnt um Dir zu begegnen und die Türe zu öffnen. Man benötigt Übung, um diese Grenzen verläßlich wahrzunehmen, da der Opfer-Archetypus von Dir verlangt weiter herein zu kommen. Um die Haustür-Analogie zu nutzen, würde ein Opfer Dir aus dem Schlafzimmer zurufen, dass Du die Haustüre öffnen und hereinkommen sollst, um es zu retten. Wenn Du dieses Spiel nicht mitspielst, hilfst Du der Person, ihre zugrundeliegende Verletzlichkeit auszudrücken und paradoxerweise macht sie das dann stark genug, die eigenen Ressourcen zu finden anstatt auf Rettung zu zählen.

Zusammenfassung

 Ich hoffe diese Beschreibungen von Yang Ming- und Tai Yin-Berührung vermitteln ein klares Bild davon, was mit Arten der Berührung gemeint ist. Ich finde diese „therapeutische Haltung“ wirksamer als die Wahl eines bestimmten Meridians.  Mehr noch, die falsche innere Haltung kann die Behandlung vollständig sabotieren, selbst wenn die Diagnose richtig ist und passt. Wenn zum Beispiel die Empfangende wenig Energie hat, deprimiert und eingesunken erscheint, mit wenig Muskelspannung, würde eine TCM-Diagnose wohl Behandlung des Milz-Meridians empfehlen. Aber wenn die innere Haltung der Behandlerin die einer Expertin ist, die eine passive Klientin behandelt, wird diese Arbeit den Milz-Merdian nicht aufwecken. Vielmehr wird die ursprüngliche Dynamik erhalten bleiben, da sich die niedrige Milzenergie im Opfer-Archetypus ausdrückt und dies durch die therapeutische „Rettung“ verstärkt wird. Es sind die inneren Haltungen derjenigen Arten der Berührung, die mit dem Yue Yin assoziiert sind (und eventuell später mit dem Yang Ming), die die selbst-unterstützende, sich ausdehnende Energie der Milz aktivieren und energetisieren. Somit zeigen die sechs Arten der Berührung welche innere Haltung und welche Qualität der physischen Berührung die ganzheitlichen energetischen Funktionen aktivieren und die ganze Therapie in Einklang mit der Arbeit an den Meridianen bringen können.